Zierfischhaltung vor sechs Jahrzehnten
Dr. Werner Osemann
Aus meiner Jugendzeit: Zierfischhaltung vor sechs Jahrzehnten
Meine Liebe zur Aquaristik wurde schon in früher Kindheit durch meinen Vater geweckt. Er war einer der Wenigen in unserer kleinen Stadt, die sich in den dreißiger Jahren den Luxus erlaubten, tropische Zierfische zu pflegen und zu züchten. Zwei seiner 100 - Liter - Becken standen, solange ich zurückdenken kann, im ersten Stock des Treppenflurs unseres zweistöckigen Wohnhauses in der Nähe eines Südfensters, eingerahmt von Clivien und Schusterpalmen. Es handelte sich um sogenannte "Gestellaquarien", d. h. die Glasscheiben wurden von einem Gestell oder Rahmen aus Winkeleisen gehalten. Auch der Unterbau war aus Winkeleisen gefertigt.
Mein Vater hatte seine Aquarien und Untergestelle stets in mühevoller und zeitraubender Arbeit selbst hergestellt. Um ein Becken bauen zu können, mußte er 12 Winkeleisen mit der Handsäge passend auf Gährung schneiden und winkelgerecht zusammenschweißen, danach jede Schweißstelle von Hand glattfeilen. Anschließend mußte noch ein Blechboden eingearbeitet werden, der als Besonderheit in der Mitte einen in das Innere des Aquariums gerichteten Trichter aufwies. Er diente dazu, später die Aquarienheizung, einen Spiritusbrenner, aufzunehmen.
Nun wurde der Aquarienrahmen als Schutz gegen Rost mit Menninge (einer roten, bleihaltigen Farbe) angestrichen. Nachdem die Farbe trocken war, wurde der Rahmen schließlich mit Leinölkitt ausgefüllt, dem zur besseren Haftung an das Metall ebenfalls Bleimenninge beigemischt war. Beim Einbau der Scheiben mußte man - wie ich später selber erfahren durfte - sehr gefühlvoll vorgehen.
Allzu leicht ging bei ungleichmäßigem Druck eine Scheibe zu Bruch Das geschah häufiger, wenn ein Aquarium neu eingekittet werden mußte, weil es undicht geworden war. Regelmäßig wurden ältere Aquarien undicht- wenn sie, aus welchem Grunde auch immer -entleert werden mußten.
Nachdem durch das Entleeren der Wasserdruck von den Scheiben gewichen war, löste sich an einigen Stellen der inzwischen hart und spröde gewordene Kitt mit dem Ergebnis, daß beim Wiederauffüllen Wasser aus dem Becken tropfte. Da half kein Verschmieren der undichten Stellen mit frischem Kitt.
Auch Berlappsamen, der dem Aquarienwasser beigemischt wurde, damit er die Undichten verschließe, brachte selten Erfolg. Hätten wir doch damals schon Silikon gehabt! Viel Ärger und Zeitverlust wäre uns erspart geblieben. Da das Zeitalter der Silikone aber noch nicht angebrochen war, mußte das undichte Aquarium notgedrungen wieder entleert und neu eingekittet werden. Beim Entfernen des harten Kitts ging manche Scheibe zu Bruch. Mein Vater nahm das gelassen hin. Er hatte stets einen Vorrat an zerbrochenen Schaufensterscheiben im Hof stehen, aus denen er schnell eine neue Aquariumscheibe geschnitten hatte.
Aquarienzubehör war damals der schon erwähnte Spiritusbrenner, der in der kalten Jahreszeit Tag und Nacht mit mehr oder weniger großer Flamme das Aquarienwasser warm hielt.
Ein weiteres Zubehör war die Durchlüftung, bestehend aus einer Luftpumpe, verbunden mit einem Druckkessel, einer von dort ausgehenden Zuleitung zum Aquarium aus Gummischläuchen und Bleirohr und einem Stück Rohrstock, das zur Hälfte schräg angeschnitten, eine breite feinperlige Durchlüftung des Aquarienwassers gewährleistete. Kaufen konnte man Rohrstöcke damals in jeder Papierwarenhandlung, weil unsere Lehrer sie als Erziehungshilfe offenbar nicht entbehren konnten.
Der Aquarienboden war mit einer etwa 10 cm hohen Schicht gewaschenen Sandes bedeckt. Darin wuchsen bzw. wucherten vorwiegend Valisnerien, Sagittarien und Hornkraut. In den Aquarien meines Vaters schwammen u. a. Guppys, Schwertträger, Platys, Pracht-, Messing- und Zebrabarben und als Besonderheit ein Paar Makropoden, auch Parädiesfische genannt. Sie sahen damals wirklich noch paradiesisch aus, während die heutigen Nachzuchten eher wie "aus dem Paradies vertrieben" ausschauen.
Die Wartung der Aquarien meines Vaters bestand darin, jeden Tag einmal Spiritus in den Brenner nachzufüllen, mehrmals täglich die Luftpumpe zu bedienen und fast in jeder Woche den dicken Grünalgenbewuchs von der Sichtschelbe zu entfernen. Auch der Bodenschlamm wurde ab und zu mit einem Gummischlauch abgesaugt. Wasserwechsel war tabu, denn mein Vater glaubte wie alle Aquarianer damals an die Güte des "Altwassers".
Selbst wenn im Sommer infolge des intensiven Tageslichteinfalls Schwebealgen das Wasser grün färbten, so daß man keine Fische und Pflanzen mehr sehen konnte, unternahm Vater nichts. Er sagte nur: ,Das Wasser blüht, ein Zeichen, daß es gesund ist". Tatsächlich passierte Fischen und Pflanzen nichts und nach einigen Wochen wurde das Wasser auch ohne unser Zutun wieder klar.
Gefüttert wurden die Fische überwiegend mit Wasserflöhen, die zur damaligen Zeit leicht auf jeder Kuhwiese, die einen Tümpel enthielt, zu fangen waren. Auch gab es damals schon Trockenfutter mit dem Namen ,,Wawil", das vorwiegend im Winter gegeben wurde.
Die Macropoden bekamen zusätzlich Ameisenpuppen, die unter dem Namen ,,Ameiseneier" in Drogerien angeboten wurden. Alles in allem war die Zierfischhaltung vor rund 60 Jahren, als es noch keine elektrischen Filter, Durchlüfter, Thermostatheizungen, Leuchtstoffröhren, Co2 - Anlagen und Silikon gab, eine mühsame Sache.
Mein Vater und seine damaligen Aquarienfreunde müssen wirklich große Idealisten gewesen sein.
Diesen Bericht habe ich zum Andenken meines verstorbenen Vereinsfreundes auf meine Homepage gesetzt.
Aus meiner Jugendzeit: Zierfischhaltung vor sechs Jahrzehnten
Meine Liebe zur Aquaristik wurde schon in früher Kindheit durch meinen Vater geweckt. Er war einer der Wenigen in unserer kleinen Stadt, die sich in den dreißiger Jahren den Luxus erlaubten, tropische Zierfische zu pflegen und zu züchten. Zwei seiner 100 - Liter - Becken standen, solange ich zurückdenken kann, im ersten Stock des Treppenflurs unseres zweistöckigen Wohnhauses in der Nähe eines Südfensters, eingerahmt von Clivien und Schusterpalmen. Es handelte sich um sogenannte "Gestellaquarien", d. h. die Glasscheiben wurden von einem Gestell oder Rahmen aus Winkeleisen gehalten. Auch der Unterbau war aus Winkeleisen gefertigt.
Mein Vater hatte seine Aquarien und Untergestelle stets in mühevoller und zeitraubender Arbeit selbst hergestellt. Um ein Becken bauen zu können, mußte er 12 Winkeleisen mit der Handsäge passend auf Gährung schneiden und winkelgerecht zusammenschweißen, danach jede Schweißstelle von Hand glattfeilen. Anschließend mußte noch ein Blechboden eingearbeitet werden, der als Besonderheit in der Mitte einen in das Innere des Aquariums gerichteten Trichter aufwies. Er diente dazu, später die Aquarienheizung, einen Spiritusbrenner, aufzunehmen.
Nun wurde der Aquarienrahmen als Schutz gegen Rost mit Menninge (einer roten, bleihaltigen Farbe) angestrichen. Nachdem die Farbe trocken war, wurde der Rahmen schließlich mit Leinölkitt ausgefüllt, dem zur besseren Haftung an das Metall ebenfalls Bleimenninge beigemischt war. Beim Einbau der Scheiben mußte man - wie ich später selber erfahren durfte - sehr gefühlvoll vorgehen.
Allzu leicht ging bei ungleichmäßigem Druck eine Scheibe zu Bruch Das geschah häufiger, wenn ein Aquarium neu eingekittet werden mußte, weil es undicht geworden war. Regelmäßig wurden ältere Aquarien undicht- wenn sie, aus welchem Grunde auch immer -entleert werden mußten.
Nachdem durch das Entleeren der Wasserdruck von den Scheiben gewichen war, löste sich an einigen Stellen der inzwischen hart und spröde gewordene Kitt mit dem Ergebnis, daß beim Wiederauffüllen Wasser aus dem Becken tropfte. Da half kein Verschmieren der undichten Stellen mit frischem Kitt.
Auch Berlappsamen, der dem Aquarienwasser beigemischt wurde, damit er die Undichten verschließe, brachte selten Erfolg. Hätten wir doch damals schon Silikon gehabt! Viel Ärger und Zeitverlust wäre uns erspart geblieben. Da das Zeitalter der Silikone aber noch nicht angebrochen war, mußte das undichte Aquarium notgedrungen wieder entleert und neu eingekittet werden. Beim Entfernen des harten Kitts ging manche Scheibe zu Bruch. Mein Vater nahm das gelassen hin. Er hatte stets einen Vorrat an zerbrochenen Schaufensterscheiben im Hof stehen, aus denen er schnell eine neue Aquariumscheibe geschnitten hatte.
Aquarienzubehör war damals der schon erwähnte Spiritusbrenner, der in der kalten Jahreszeit Tag und Nacht mit mehr oder weniger großer Flamme das Aquarienwasser warm hielt.
Ein weiteres Zubehör war die Durchlüftung, bestehend aus einer Luftpumpe, verbunden mit einem Druckkessel, einer von dort ausgehenden Zuleitung zum Aquarium aus Gummischläuchen und Bleirohr und einem Stück Rohrstock, das zur Hälfte schräg angeschnitten, eine breite feinperlige Durchlüftung des Aquarienwassers gewährleistete. Kaufen konnte man Rohrstöcke damals in jeder Papierwarenhandlung, weil unsere Lehrer sie als Erziehungshilfe offenbar nicht entbehren konnten.
Der Aquarienboden war mit einer etwa 10 cm hohen Schicht gewaschenen Sandes bedeckt. Darin wuchsen bzw. wucherten vorwiegend Valisnerien, Sagittarien und Hornkraut. In den Aquarien meines Vaters schwammen u. a. Guppys, Schwertträger, Platys, Pracht-, Messing- und Zebrabarben und als Besonderheit ein Paar Makropoden, auch Parädiesfische genannt. Sie sahen damals wirklich noch paradiesisch aus, während die heutigen Nachzuchten eher wie "aus dem Paradies vertrieben" ausschauen.
Die Wartung der Aquarien meines Vaters bestand darin, jeden Tag einmal Spiritus in den Brenner nachzufüllen, mehrmals täglich die Luftpumpe zu bedienen und fast in jeder Woche den dicken Grünalgenbewuchs von der Sichtschelbe zu entfernen. Auch der Bodenschlamm wurde ab und zu mit einem Gummischlauch abgesaugt. Wasserwechsel war tabu, denn mein Vater glaubte wie alle Aquarianer damals an die Güte des "Altwassers".
Selbst wenn im Sommer infolge des intensiven Tageslichteinfalls Schwebealgen das Wasser grün färbten, so daß man keine Fische und Pflanzen mehr sehen konnte, unternahm Vater nichts. Er sagte nur: ,Das Wasser blüht, ein Zeichen, daß es gesund ist". Tatsächlich passierte Fischen und Pflanzen nichts und nach einigen Wochen wurde das Wasser auch ohne unser Zutun wieder klar.
Gefüttert wurden die Fische überwiegend mit Wasserflöhen, die zur damaligen Zeit leicht auf jeder Kuhwiese, die einen Tümpel enthielt, zu fangen waren. Auch gab es damals schon Trockenfutter mit dem Namen ,,Wawil", das vorwiegend im Winter gegeben wurde.
Die Macropoden bekamen zusätzlich Ameisenpuppen, die unter dem Namen ,,Ameiseneier" in Drogerien angeboten wurden. Alles in allem war die Zierfischhaltung vor rund 60 Jahren, als es noch keine elektrischen Filter, Durchlüfter, Thermostatheizungen, Leuchtstoffröhren, Co2 - Anlagen und Silikon gab, eine mühsame Sache.
Mein Vater und seine damaligen Aquarienfreunde müssen wirklich große Idealisten gewesen sein.
Diesen Bericht habe ich zum Andenken meines verstorbenen Vereinsfreundes auf meine Homepage gesetzt.

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